Am Vormittag weder eine Info auf der Tracking-Seite fürs
Gepäck noch ein Anruf. Das mulmige Gefühl wird stärker. Gedanklich bin ich
alles durchgegangen. Der Kofferinhalt lässt sich ersetzen. Jeans, T-Shirts,
Kosmetik, zwar schade um die schönen Einkäufe beim HEMA ;) …aber die Unterlagen…
Meine Schwester meldet sich telefonisch aus dem Büro und
berichtet vom Katzen-Sitting und ich im Gegenzug von den wichtigsten Eckpunkten
unserer Reise. Kurz darauf bekomme ich einen Anruf einer unbekannten
Telefonnummer. Ich gehe davon aus, das mich der Flughafen informiert,
wunderbar! Aber dem ist nicht so. Eine Frauenstimme fragt mich, ob ich gestern
wohl mit ihr auf dem Flug ab Amsterdam war. Dann für mich im ersten Moment
unerklärlich: Sie hat heute früh im Seitenfach ihrer Tasche meine Unterlagen
entdeckt. Teilweise nass, verschmutzt und die Mappe beschädigt. WIE BITTE? Ich
versteh nur Bahnhof und erst langsam wird mir klar, was sie mir da zu erklären
versucht. Natürlich ist auch sie komplett erstaunt wie das geht. Hat aber
tapfer meine Telefonnummer aus den Unterlagen rausgesucht, dabei festgestellt,
dass wir am gleichen Tag Geburtstag haben (aha, also gründlich gelesen ;)) und mich
zum Glück informiert. Sie wohnt und arbeitet nicht allzu weit entfernt, etwa 40
Minuten Fahrzeit, also verabrede ich mich sogleich für den Nachmittag mit ihr.
Ich bin sprachlos. Offensichtlich wurde mein Koffer beschädigt, aber warum um
Himmels Willen werden ausgerechnet meine medizinischen Unterlagen einfach ins
Gepäck von jemand anderem gestopft? Das ist doch nicht zu fassen.
Hin und hergerissen – froh, dass ich wohl meine Unterlagen
wieder sehe, etwas peinlich berührt, dass diese in fremden Händen sind und
eigentlich unglaublich sauer, dass so etwas überhaupt passieren kann – mache ich
mich also auf den Weg. Besorge unterwegs noch ein Dankeschön für die ehrliche
Finderin und bin pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt am Ziel. G. kommt kurz
darauf auf mich zu, sie ist etwa in meinem Alter und unglaublich freundlich.
Sie händigt mir eine Tasche mit den Unterlagen und den Zeitschriften aus
Amsterdam aus und ich sehe kurz durch, auf den ersten Blick scheint tatsächlich
alles da zu sein, auch die ganzen Unterlagen, die ich nur lose in die Mappe
gesteckt hatte. Es handelt sich um den gesamten Inhalt, den ich im Seitenfach
meines Koffers untergebracht hatte. Ich bin unglaublich erleichtert, auch G.
spürt das, sie ist ebenfalls froh, dass sie helfen konnte. Da ich gleich wieder
los muss, verabschieden wir uns. Sie ist wirklich sehr herzlich und als sie mir
zuzwinkert und mir viel Glück wünscht, ist mir auch klar, dass sie natürlich
weiss, was Sache ist. Der Heimweg fällt mir viel leichter. Zuhause
stelle ich fest, dass evtl. 1-2 Seiten fehlen, nichts Dramatisches. Vermutlich
die Seiten, die ganz oben lagen, man sieht dass die darunter noch nass sind,
die anderen waren also wahrscheinlich nicht mehr zu retten, sind sicher
rausgefallen. Und der Reiseführer ist weg. Kein grosser Verlust. Die Mappe
sieht aber tatsächlich so aus, als wäre was drübergefahren. Was da wohl
passiert ist?
Egal. Erleichterung. Die anderen Sachen werden vielleicht
gefunden oder auch nicht. Am Abend berichte ich meinen Schwestern und meinem
Schwager vom Erlebten. Vor allem die Details aus Brüssel. Mein Schwager kann
nicht genug davon bekommen, er würde am liebsten nochmal alles durchlaufen, er
hat sehr emotionale Erinnerungen an das Ganze und freut sich entsprechend über
unsere Berichte. Er ernennt sich selber zum Projektpaten. Schön, dass die
Familie so mitlebt. Mama ist leider gerade auf Urlaub, ihr werden wir
anschliessend sicher auch ausführlich berichten können.